Die Kritik an der Streitwertanhebung im Zivilprozess und der zunehmenden Rolle von Legal Tech und KI greift aus Sicht moderner Legal-Tech-Anbieter zu kurz. Sie setzt voraus, dass Zugang zum Recht zwingend über klassische anwaltliche Beratung erfolgen müsse und verkennt dabei, dass der Rechtsstaat nicht von Berufsgruppen lebt, sondern von funktionierenden, zugänglichen Strukturen. Wer die Reform allein unter dem Blickwinkel eines drohenden Qualitätsverlustes betrachtet, blendet aus, dass das bestehende System Millionen von Menschen faktisch vom Rechtsschutz ausschließt.
Zugang zum Recht ist kein Anwaltsprivileg, sondern ein Bürgerrecht
Aus Legal-Tech-Perspektive ist der Kern der Reform nicht die Reduktion anwaltlicher Beteiligung, sondern die Erweiterung des Zugangs zum Recht. Das geltende System hat über Jahre hinweg akzeptiert, dass wirtschaftlich schwächere Parteien ihre Ansprüche nicht durchsetzen, weil das Kostenrisiko zu hoch ist oder anwaltliche Beratung nicht erreichbar erscheint. Dass Anwälte diese Lücke geschlossen hätten, ist eine idealisierte Annahme, nicht gelebte Realität.
Legal Tech setzt genau dort an, wo das System bislang versagt hat: bei der strukturierten Vorprüfung, der Transparenz von Risiken und der realistischen Einschätzung von Erfolgsaussichten – bevor ein Verfahren überhaupt angestoßen wird.
KI ersetzt keine Anwälte – sie ersetzt Intransparenz
Ein häufiges Argument gegen Legal Tech lautet, KI könne anwaltliche Qualität nicht ersetzen. Diese Aussage ist korrekt, aber sie zielt am eigentlichen Punkt vorbei. Ziel moderner Legal-Tech-Systeme ist nicht die Substitution anwaltlicher Expertise, sondern die Reduktion von Intransparenz und Informationsasymmetrien.
In der Praxis bedeutet das:
- Nutzer erhalten eine klare Einschätzung, ob ihr Anliegen rechtlich tragfähig ist.
- aussichtslose Verfahren werden frühzeitig erkannt und gar nicht erst angestoßen.
- Streitigkeiten werden vorstrukturiert, sodass sie entweder effizient außergerichtlich gelöst oder gezielt gerichtlich geklärt werden können.
Aus dieser Perspektive wirkt Legal Tech nicht eskalierend, sondern filternd – und übernimmt damit genau jene Rolle, die der Anwaltschaft rückblickend zugeschrieben wird, ohne dass sie systemisch abgesichert war.
Datenzugang ist kein Machtinstrument, sondern Investitionsfolge
Der Vorwurf, Legal-Tech-Anbieter würden Datenbanken „aufkaufen“ und den Zugang zu juristischem Wissen monopolisieren, greift ebenfalls zu kurz. Juristische Daten entstehen nicht von selbst. Sie müssen strukturiert, gepflegt, aktualisiert, angereichert und technisch nutzbar gemacht werden. Das erfordert erhebliche Investitionen.
Dass Anbieter für diese Leistungen Geld verlangen, ist kein Ausdruck von Abschottung, sondern eine Folge fehlender staatlicher Infrastruktur. Würde der Gesetzgeber hochwertige, strukturierte Rechtsdaten frei zur Verfügung stellen, wäre der Markt sofort anders gestaltet. Solange dies nicht geschieht, ist es realitätsfremd, privaten Anbietern vorzuwerfen, dass sie wirtschaftlich handeln.
Qualität entsteht durch Skalierung, nicht durch Exklusivität
Ein weiterer Kritikpunkt lautet, KI könne Laien in die Irre führen. Aus Legal-Tech-Sicht ist genau das Gegenteil der Fall. Fehler entstehen vor allem dort, wo Menschen ohne jede Struktur oder Vorprüfung agieren. KI-gestützte Systeme reduzieren dieses Risiko, indem sie:
- typische Fallkonstellationen erkennen,
- Warnhinweise bei rechtlichen Sackgassen geben,
- Nutzer zu anwaltlicher Beratung lenken, wenn Komplexität oder Risiko steigt.
Skalierung führt hier nicht zu Verflachung, sondern zu Standardisierung dort, wo sie sinnvoll ist – und zur bewussten Übergabe an menschliche Experten dort, wo sie notwendig wird.
Die Streitwertanhebung als Katalysator für sinnvolle Arbeitsteilung
Aus Sicht von Legal Tech ist die Streitwertanhebung kein Selbstzweck, sondern ein Katalysator für eine überfällige Arbeitsteilung:
- Standardisierte, häufige, rechtlich klar strukturierbare Fälle werden technologisch unterstützt.
- Komplexe, atypische oder haftungsträchtige Sachverhalte bleiben im Kern anwaltliche Domäne.
- Gerichte erhalten besser vorbereitete, klarer strukturierte Verfahren.
Die Alternative wäre, am bisherigen Zustand festzuhalten: formaler Zugang, faktische Abschreckung, hohe Kosten, geringe Durchsetzung.
Verantwortung und Haftung – ein oft übersehener Punkt
Legal-Tech-Anbieter agieren nicht im rechtsfreien Raum. Sie unterliegen Verbraucherschutz, Haftungsregeln, Transparenzpflichten und zunehmend auch regulatorischen Vorgaben. Seriöse Anbieter kommunizieren klar, wo ihre Systeme enden und wann professionelle Beratung erforderlich ist. Dass es auch minderwertige Angebote gibt, ist kein Argument gegen Legal Tech, sondern für Regulierung und Qualitätsstandards.
Die eigentliche Gefahr liegt nicht in KI, sondern im Stillstand
Aus unserer Sicht liegt die größte Gefahr für den Zivilprozess nicht in der Öffnung, sondern im Festhalten am Status quo. Ein System, das davon ausgeht, dass rechtlicher Beistand nur über klassische Strukturen funktionieren kann, ignoriert gesellschaftliche Realität, technologische Entwicklung und wirtschaftliche Zwänge.
Legal Tech ist kein Gegner der Anwaltschaft. Es ist eine Antwort auf ein System, das zu lange akzeptiert hat, dass Recht zwar existiert, aber nicht für alle gleichermaßen erreichbar ist.
Expertenmeinung aus Legal-Tech-Sicht
„Die Streitwertanhebung ist kein Qualitätsrisiko, sondern eine Einladung zur Modernisierung. KI ersetzt keine juristische Verantwortung, aber sie schafft Transparenz, senkt Zugangshürden und verhindert gerade die Verfahren, die niemandem nutzen. Wer heute noch glaubt, der Zivilprozess lasse sich ohne technologische Unterstützung zukunftsfähig gestalten, verkennt die Realität der Rechtsdurchsetzung.“
Geschäftsführer eines Legal-Tech-Unternehmens, spezialisiert auf KI-gestützte Rechtsanalyse
Warum Mandanten langfristig profitieren können
Für Mandanten kann die Streitwertanhebung dann ein Gewinn sein, wenn Legal Tech konsequent als öffentlich zugängliches Werkzeug verstanden und weiterentwickelt wird. Je besser KI-Systeme werden, je transparenter ihre Entscheidungslogik ist und je breiter ihr Zugang ausgestaltet wird, desto eher entsteht ein fairer Ausgleich zwischen Effizienz, Qualität und Gerechtigkeit.
Der entscheidende Punkt ist nicht, ob KI genutzt wird, sondern wie offen, reguliert und verantwortungsvoll sie eingesetzt wird. Gelingt das, profitieren Mandanten nicht trotz, sondern gerade wegen der Streitwertanhebung – weil sie informierter entscheiden, realistische Erwartungen entwickeln und ihre Rechte zielgerichteter wahrnehmen können.
